Geschichten

Hier möchte ich Euch neben den Gedichten einige Geschichten präsentieren. Viel Spaß beim Lesen. Freue mich auf Meinungen in den Kommentaren.

Welches ist das schönste Geschenk?

Heilig Abend 2015, 16:00 Uhr

In der Weihnachtswerkstatt kehrte Ruhe ein. Die Elfen legten sich gemütlich zurück. Sie hatten in diesem Jahr ihre Arbeit getan. Alle Geschenke waren verpackt und auf den Rentierschlitten gespannt. Sie waren mit Etiketten der Namen versehen, damit Verwechslungen ausgeschlossen wurden. Der Weihnachtsmann gab den Startschuss. In diesem Jahr begann sein Flug über Europa. In Amerika würde er enden. Denn da gab es die Geschenke erst am Weihnachtsmorgen. Es war bereits dunkel als er los flog.

Irgendwann wurde den Geschenken, die gut verpackt auf dem Schlitten lagerten langweilig, als sich plötzlich das größte von ihnen zu Wort meldete:

„Na, ihr? Es ist wieder soweit. Wir werden ausgeliefert. Die Kinder freuen sich schon auf uns. Ich komme zu Klausi in Deutschland. Er hat sich ein Fahrrad gewünscht und bekommt es auch.“

„Auja. Ja, ja, du bist wahrscheinlich das größte Geschenk“, meldete sich ein mittleres, das sich gerade zwischen zwei anderen Geschenken gelöst hatte und ein Stückchen nach unten gepurzelt war. „Aber ob du das wertvollste bist, ist die andere Frage. Ich bin auch nur ein Kuscheltier. Für die kleine Lisa.“

„Also das wertvollste Geschenk sind ja wohl wir“, piepste eine engelsgleiche Stimme von ganz unten.“ Weitere Engelsstimmen stimmten mit ein. „Ja, uns gibt es dieses Jahr sehr viele. Für die Kinder, die keine großen Geschenke bekommen können. Wir wurden von den Weihnachtselfen persönlich angefertigt. Das ganze Jahr über. Weil es dieses Jahr so viele Kinder gibt, deren Eltern arm sind.“

„Aber mit euch können die doch gar nicht spielen“, beschwerte sich das Fahrrad.

„Doch, doch. Sie können sich an uns schmiegen. Wenn ihnen mal nach kuscheln zumute ist. Auch wenn wir sie nicht umarmen können. Doch sie werden die Wärme spüren, die wir ausstrahlen. Außerdem beschützen wir sie. Wir haben immer ein Auge auf die Kleinen.“

„Pah. Das ist doch gar nichts. Auf mir wird Klausi sitzen, mich wird er bewegen.“

„Und mit uns wird gemalt. Wir malen das Malbuch aus“, kreischten die Stifte und das Malbuch bejahte mit tiefer Stimme.

„Also, wir Engel, wir bieten nicht nur den Kindern Schutz. Auch den Eltern. Und anderen Familienmitgliedern.“

„Aber immer könnt ihr doch gar nicht da sein. Das geht nicht.“ Das Fahrrad schüttelte sich. Es war nur mit einer Schleife verpackt und musste sich ganz oben auf dem Geschenketurm gut festhalten. Die Rentiere hatten einen raschen Flug drauf und die ersten Geschenke wurden herabgelassen.

„Doch die Weihnachtselfen haben uns einen geheimnisvollen Zauber gegeben. Er wirkt allerdings nur wenn man auch an uns glaubt.“

„Ha. Und das macht bestimmt nicht jeder.“

„Ach Fahrrad, du hast zu schlechte Filme gesehen.“

„Es gibt Menschen die in Angst, Not und Armut leben und für diese Menschen sind wir da. Ihnen geben wir die Kraft an das Gute zu Glauben. Und ein Engel zur Weihnacht hat bis jetzt noch jedem Kind ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert. Wenn du nach Europa kommst, liegt dort Schnee. Erst im Frühjahr kann Klausi mit dir seine Runden drehen. Nicht schon heute Abend.“

„Hmm.“ Jetzt wurde das Fahrrad doch nachdenklich.

„Aber mit uns kann Tina sofort malen“, trällerten die Stifte.

„Richtig. Aber wenn das Malbuch vollgemalt ist, ihr abgespitzt seid, dann ist auch eure Lebensdauer vorbei. Wir Engel, wir sind immer, aber auch immer da. Uns können die Kinder zu jeder Tages- und Nachtzeit in die Hand nehmen. Uns ihre Gedanken anvertrauen. Wir geben zwar keine Antwort. Aber wir strahlen Vertrauen, Zuversicht, Liebe, Glaube und Hoffnung aus. Das ist es worauf es ankommt.“

„Hmm. Trotzdem bleibe ich das größte Geschenk. Oh. Wir sind schon in Deutschland. Ich glaube, gleich ist es soweit.“

„Ja. Viel Spaß bei Klausi. Ich wünsche dir, dass er dich gut in Ehren halten wird und dich viel bewegt.“

„Danke. Wird er schon. Hat sich mich so sehr gewünscht.“

Langsam wird das Fahrrad vom Geschenketurm gelöst und die Rentiere setzen zur Landung an. Vorsichtig wird das Fahrrad herunter gelassen.

„Machts gut Engel. Und euch auch viel Glück bei den Kindern. Das sie an euch glauben.“

„Das werden sie schon.“ Alle Engel winkten dem Fahrrad nach und auch die anderen Geschenke. Die Rentiere waren nur kurz in der Luft, dann setzten sie erneut zum Landeanflug an. Erste Engel wurden ausgeliefert. Sie haben kein Gesicht, aber zwei Flügel und sind aus weißem Holz. In Klarsichtfolie verpackt. Mit Glitzer bestreut.

Der Engel, der mit dem Fahrrad die Unterhaltung geführt hatte, machte auch den anderen Geschenken noch einmal klar:

„Ich hoffe, ihr vergesst die Diskussion zwischen dem Fahrrad, dem Kuscheltier, dem Malbuch, den Stiften und mir ganz schnell. Wir Engel sind etwas ganz besonderes. Und die Kinder werden uns lieben. Denn außer dass wir die Kinder beschützen haben wir noch eine ganz besondere Eigenschaft. Wir kommen von Herzen. Deshalb sind wir das kostbarste Geschenk. Gleich werde auch ich herunter gelassen. Ich wünsche allen Kindern und allen Menschen auf der Erde ein friedvolles Weihnachtsfest. Und denkt daran: Nicht, was man schenkt ist wichtig, sondern wie man etwas schenkt.“

(Weihnachten 2015)

Blumen im Jahresreigen

Es war einmal ein Blütenteppich, in den Tiefen des Gartenlandes, dessen Farben sich Monat für Monat wechselten. Das Muster wurde ebenfalls jeden Monat neu gestrickt.

Letzte Schneeglöckchen wurden vom Märzbecher abgelöst, der seinem Vorgänger sogar ein wenig ähnlich sah. Hinzu gesellten sich Krokusse und Veilchen. Das Blütenbild des Teppichs wurde bunter und duftender.

Vogelstimmen sorgten im Gartenland für musikalische Klänge von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.

Im April öffneten die Kelche der Osterglocken ihre Pforten. Für bunte Farbtupfer dazwischen sorgten die Tulpen. Die Hyazinthe verbreitete ihren erfrischenden Duft durch den Garten und Vergissmeinnicht reckten ihre Köpfchen der Sonne entgegen.

Der bunte Teppich wurde von Bienchen und Schmetterlingen umschwärmt.

Mit der Farbe Lila kam der Flieder ins Spiel und neues Aroma strömte durchs Gartenland, welches sich mit der Süße des Maiglöckchens vermischte.

Die Pfingstrose flickte sich in den Teppich und ihr wohltuender Geruch vertrieb die Restaromen, die noch in der Luft schwebten und läutete langsam den Sommer ein.

Durch die lila Blütenkugel des Zierlauchs änderte sich das Muster erneut.

Rot, rosa, orange, weiß und gelb leuchtend erklomm die Blume der Liebe den Blütenteppich, entfaltete eine intensive Duftwolke und entfachte den Sommer zum Leben. Kornblumen, Mohn und das Gelb des Mädchenauges brachten Abwechslung ins  Farbenspiel.

Mit ihrer gewaltigen Größe und Schönheit überragte die Sonnenblume alle ihre Kollegen. Ihr braun/gelbes Gesicht war stets der Sonne zugewandt.

Wie ein Schleier legte sich Septemberkraut ins Blütenmeer. Dazu gesellten sich Dahlien, die den Herbst willkommen hießen.

Im Oktober ragten die Astern ihre Gesichter in die Spätsommersonne. Chrysanthemen folgten und sorgten für ein letztes frohes Farbenspiel im Herbst.

Starke Nebelschwaden hauchten den Teppich in ein dunkles Grau. Für kurze Lichtblicke dienten Alpenveilchen.

Zugedeckt mit Eiben und Tannen, die Schutz und Wärme spendeten, kehrte eine friedliche Stille ins Tal. Sogar die Vogelstimmen verstummten. Schmetterlinge und Bienen waren ebenfalls längst verschwunden.

Bald darauf wurde es kalt und nass. Erste Schneeflocken fielen vom Himmel und das Blütenmeer versank in einen tiefen Winterschlaf.

Während sich im Dezember der Weihnachtsstern und die Amaryllis von ihrer schönsten Seite eher am Fenster zeigten, leistete ihnen im Januar die Christrose Gesellschaft.

Dem Blütenteppich standen eisige und frostige Zeiten bevor doch er freute sich schon auf den ersten Sonnenstrahl im Februar und wartete sehnsüchtig, auf die ersten Gesichter der Schneeglöckchen und bunten Köpfchen der Primelchen.

(2015)

Es war einmal eine karierte Reisetasche

Hier stand ich nun, auf dem Boden, zwischen all den anderen. Die Luft war stickig. Mich hatte leider noch niemand angefasst. Dabei griffen ständig viele Hände links und rechts um mich. Doch ich, ich stand einsam in der Mitte und war traurig. Niemand wollte mich haben. Dabei war ich doch eine Reisetasche und wollte die Welt erkunden. Kein Mensch streckte die Hand nach mir aus. Täglich kamen hunderte von Kunden ins Sportgeschäft. Oft fragte ich mich, wieso man mich nicht in einem großen Kaufhaus untergebracht hatte. Nein, stattdessen lagerte ich nun schon einige Monate hier, im kleinen Sportgeschäft in der Fußgängerzone. Es war zum heulen.

Vorhin kam eine Mutter mit einem Jungen vorbei, der unbedingt eine Sporttasche brauchte. Da gab es eine, wo ein Fußball abgebildet war. Sofort griff der Junge danach und weg war sie.

„Schönen Tag noch“, rief die Tasche uns zu und winkte fröhlich auf dem Weg zur Kasse. Danach kam ein Mädchen mit ihrer Oma, die ein Blümchenmuster wählte.

„So. Oma. Jetzt habe ich eine wundervolle Tasche, wenn ich die Ferien bei dir verbringe.“

„Ätsch. Ich bin nun auch weg. Und du bist immer noch hier. Viel Spaß noch.“

Traurig blickte ich mich um. Schwarz/weiß kariert zu sein, schien wohl aus der Mode. Ich blinzelte zu den unifarbenen Kollegen. Sie hatten noch bessere Chancen wie ich, weil sie oft die Lieblingsfarben der Kinder trugen. Aber für mich interessierte sich einfach niemand. Die Tage zogen ins Land. Lange Zeit schlief ich und blickte gar nicht erst auf, wenn wieder jemand neben mir herausgezogen wurde. Die Sprüche der anderen konnte ich sowieso nicht mehr hören. Da war es auch egal. Vielleicht, vielleicht hatte irgendwann doch jemand Mitgefühl, schnappte mich und trug mich hinaus in die weite Welt. Wunschdenken.

Eines Tages kam ein Mädchen mit ihrer Mama in den Laden und sie kamen schnellen Schrittes auf uns zu.

„Was für eine Tasche willst du denn? Guck mal da, die pinke mit den Sternen ist doch toll“, sagte die Mutter. Das Mädchen jedoch schenkte diesem Objekt keinen Blick. Sie musterte, ich glaubte es kaum, doch sie musterte tatsächlich mich.

„Mutti schau doch. Da die karierte Tasche. Die ist schön.“

„Ach. Was willst du denn mit der schwarz/weiß Karierten. Du brauchst eine Tasche mit Pepp. Sabrina.“

Das Mädchen betrachtete mich weiterhin.

„Na los. Hol mich. Hol mich. Ich will unbedingt hier raus und bin schon lange genug in dem stickigen Loch gefangen.“

„Mutti. Ich möchte diese Tasche. Sie sieht so praktisch aus.“ Wieder zeigte das Mädchen auf mich. Ich schloss die Augen und zuckte zusammen, als mich kleine Hände vom Boden zogen. Endlich konnte ich durchatmen. Tat das gut. Freiheit.

„Nein Sabrina“, schimpfte die Mutter und zog ihre Tochter einfach von mir weg. Zudem gab sie mir noch einen Schubs mit dem Fuß, sodass ich wieder im Regal verschwand.

„Aua“, schluchzte ich.

Die beiden verschwanden im Ladeninneren wo weitere Kollegen schlummerten. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie wieder kamen. Erneut kam Sabrina auf mich zu und zog mich heraus. Diesmal hielt ich die Luft an. Zu früh freuen, wollte ich mich nicht. Vielleicht gab es doch noch eine Chance.

„Mama. Mama bitte.“ Sabrina öffnete den Reißverschluss, was mich erneut durchatmen ließ. „Das ist die schönste Tasche im ganzen Laden. Sie hat irgendwas Besonderes. Bunte, oder unifarbene Taschen haben doch alle.“

„Wenn es denn unbedingt sein muss“, seufzte die Mutter.

„Ja Mutti.“

„Gut. Dann kannst du sie gleich heute Abend packen, damit du sie mit in den Urlaub nehmen kannst. Groß genug ist sie ja. Da bekommst du locker für zwei Wochen Kleidung unter und auch einige Spielsachen.“

„Mutti Danke.“

„Ja, ja, schon gut.“

Innerlich machte ich Luftsprünge. Endlich kam ich aus dem Laden raus.

„Ätsch. Ich habe es euch gesagt. Irgendwann komme ich hier schon raus. Nun ist es soweit und gleich Morgen geht es in Urlaub“, rief ich fröhlich und machte mich über die Kollegen, die nun ihrerseits ihre Köpfe hingen ließen lustig.

Alleine der Gang aus dem Laden bis zum Auto tat unheimlich gut. Frische Luft. Frische Luft war eine Wohltat. Ich freute mich auf die Ausflüge die ich mit Sabrina machen durfte. Noch mehr, dass die Reise schon Morgen beginnen sollte und ich heute Abend schon gepackt wurde. Auch, wenn ich noch keine Ahnung hatte, wo es hin ging war ich gespannt und freute mich, die Welt zu entdecken.

(2014)

Advertisements